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Ein Spitzen-Tag in St. Gallen

Ein Spitzen-Tag in St. Gallen mit einem vollen Programm und vielen interessanten Eindrücken für die Teilnehmerinnnen. Wieder einmal wunderbar zusammengefasst von Käthy Fisch und fotografiert von Charlotte Schmid Stary.

 

24 spitzeninteressierte Damen hatten sich zum Ausflug angemeldet. Ob alles klappen wird? Besuch im Forster Rohner Archiv – Mittagessen – Textilmuseum St. Gallen – Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen – ein Marathon!

 

Pünktlich um 10:00 starten wir im Forster Rohner Archiv. Von aussen, ein Fabrikgebäude – nichts Verspieltes oder Gesticktes. Frau Miriam Rüthemann empfängt uns und führt uns gleich ins Archiv. Nummerierte Bücher mit über 500‘000 Mustern, eigenen und auch zugekauften,  stehen in Reih und Glied, über 2 Stockwerke verteilt. Liassen mit wundervollen Stickereien dürfen wir anfassen, fotografieren, in alten Musterbüchern können wir blättern und uns verzaubern lassen. Zwischendurch erzählte uns Frau Rüthemann immer wieder Spannendes aus der Firmengeschichte.

 

1904 gründete Conrad Forster-Willi sein Stickerei Unternehmen. Damals war Stickerei das wichtigste Exportprodukt der Schweiz. Ende der 30er Jahre begann die regelmässige Zusammenarbeit mit den Spitzenhäusern der Haute Couture in Paris, Mailand und New York. 1986 folgte dann die Übernahme der Firma Jacob Rohner AG aus Rebstein. 2008 kreiert Miuccia Prada die berühmte Quipure-Serie „Volute“, die einen weltweiten Boom auslöste. 2009 trägt Michelle Obama eine wollene Quipure-Kreation an der Inaugurationsfeier ihres Mannes. Die Leistungen der Forster Rohner Gruppe werden vor allem von Modeunternehmen im High-End-Bereich, von Luxuswäsche-Unternehmen, aber auch Warenhausketten in Anspruch genommen. Sowohl Modemarken wie z. B. Akris, Prada, Dior, Chanel, Louis Vuitton, Marc Jacobs, Haute Ungaro, als auch Lingerie-Unternehmen wie Chantelle, Marie Jo, Aubade, Simone Pérèle, Triumph, Victoria’s Secret gehören zu den Kunden der Forster Rohner AG.

 

Weiter begleitet uns Frau Rüthemann durch die Produktionsabteilung, wo Aufträge der Haute-Couture Häuser produziert werden. Ist ja logisch, dass fotografieren hier nicht erlaubt ist, konnten wir doch Aufträge für Dior und Versace  bewundern, und sind überrascht, wie viele Mitarbeiter, an den (Saurer) Maschinen und Nähermaschinen anwesend sind. Zwei Mitarbeiterinnen durften wir über die Schulter schauen, die eben einen Stoff minuziös mit Federn, Pailletten und Perlen von Hand bestückten! Wir erfahren, dass sich in China die Hauptproduktion befindet, wo hauptsächlich Stickereien für die Warenhausketten produziert werden. Haben Sie schon mal gesehen, wie Pailletten gestanzt werden? In allen Farben!

 

 

Da unsere Zeit ziemlich knapp bemessen war, eilten wir dem Shop entgegen, der, extra für uns seine Türe öffnete! Claudia Stäheli (von La vie en rose)  nutzte die Zeit, um für den Kurs „Verarbeitung von Spitzenbändern“ vom 28. September Werbung zu machen, trug sie doch selbst ein wunderschönen schwarzen Jupe aus Spitzenbändern, mit roten Rosen bestickt.  Beladen mit Plastiksäcken und Tüten rasten wir der nächsten Bushaltestelle und unserem Mittagessen entgegen. Pünktlich um 12:15 trafen wir dann in der Weinstube Bäumli ein, wo bereits alles für unser gemeinsames Mittagessen vorbereitet war. Dank Frau Kehrt und ihrer Crew, hat alles bestens geklappt und wir durften ein feines Essen geniessen!!

 

Um 13:30 erwartete uns bereits Frau Dr. Barbara Karl im Textilmuseum. Sie stellte erfreut fest, dass einige unserer Teilnehmerinnen sich für den Anlass spitzenmässig gekleidet hatten! Sie führte uns durch die hochkarätige  Sammlung historischer Spitzen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts gesammelt wurden und die Entwicklung der Spitze von den Anfängen des 16. Jahrhundert bis ins 18. Jahrhundert zeigen. Anhand der beiden politisch und kulturell tonangebenden Reiche, Frankreich und Spanien, konnten wir die Ausstrahlung und den Einfluss beider Höfe im Bereich der Mode vergleichen. Die Kleiderordnungen waren damals streng reglementiert, denn Spitzen waren an beiden Höfen nur den obersten Gesellschaftsschichten vorbehalten!

  

 

Es war spannend zu hören, dass die Spitzenproduktion seit Beginn in den Händen  der Frauen lag. Erst die Mechanisierung gegen Ende des 18. Jahrhunderts bevorzugte dann wieder die Arbeitskraft der Männer.

 

Bei heftigem Schneefall und per Bus ging es dann weiter zum HVSMG, wo wir von Frau Monika Mähr, der Kuratorin der Ausstellung „Dresses – 250 Jahre Mode“ erwartet wurden.

 

 

Mit viel Enthusiasmus und Freude zeigte sie uns die hauseigene Sammlung. Die Ausstellung präsentiert sich sehr spannend und kurzweilig, da den alten, ehrwürdigen Stücken die junge Mode von Studierenden der Schweiz. Textilfachschule Zürich gegenüber gestellt werden! Ein Kleid aus einem Gewebe mit LED-Lämpchen, ein Herrenveston mit Stickerei Ärmel, eine Bluse mit einem Verschluss wie bei einer Schwimmweste und weitere Entwürfe finden sich neben Kleider aus der Rokoko-Zeit, dem Cul de Paris  und Reifröcken aus dem 19. Jahrhundert. Highlights der Sammlung sind die hauchdünnen Empirekleider aus Baumwoll-Musselin mit Handstickereien aus der Zeit nach 1803. Sehr interessant ist auch, dass die Namen der Schneiderinnen nicht bekannt sind, sie wurden nach den Modellen grosser französischer Couturiers angefertigt.

 

Müde, aber beladen mit tollen Eindrücken und Spitzen nahmen wir im überfüllten Bus Nr. 2,  zum St. Galler Hauptbahnhof, unsere Stehplätze ein und fuhren um 17:25 retour nach Zürich.

 

Forster Rohner, St. Gallen

Die Spitzen der Gesellschaft, Textilmuseum St. Gallen

Dresses – 250 Jahre Mode in der Schweiz, Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen