Die Hintergründe zur Sammlung

Der Verein SWISS TEXTILE COLLECTION hatte auch einen stofflichen Hintergrund: «Wir wollten das Archiv von Abraham übernehmen», erinnert sich die Rosmarie Amacher an den Ursprung der Gründungsidee. Abraham war einst einer der bekanntesten Stofffabrikanten der Schweiz, die Anfänge der Firma gehen bis ins Jahr 1878 zurück und das Abraham-Archiv dokumentiert das Schaffen der Firma: Stoffcoupons, Kollektionsreferenz-Bücher, Modefotografien und Scrapbooks, aber auch Materialien, die als Inspirationsquellen dienten, vor allem aber Flachtextilien. «Das Landesmuseum hat uns dann das Abraham Archiv vor der Nase weggeschnappt. Also hatten wir keine Sammlung, aber einen Verein.»

 

Einen Verein, der schnell seine Bestimmung fand: Das Textile Kunsthandwerk der Schweiz zu erhalten, und öffentlich zugänglich zu machen. Die SWISS TEXTILE COLLECTION sollte nicht nur eine Ausstellung von Roben, Ensembles und Kostümen werden aus dem, was die Schweiz seit dem 18. Jahrhundert an feinen Textilien nach Paris liefert, sondern auch eine textile Historie zum Anfassen: Nachwuchs und Fachleute sollen berühren dürfen und mit den Sammlungsteilen arbeiten können.

Kleid von Eva Margarita Hatschek-Steiner aus der Ausstellung der SWISS TEXTILE COLLECTION im Forum Würth in Rorschach

Dann spielte der Zufall mit: Über einen befreundeten Anwalt kam das Angebot, den Nachlass der Eva Margarita Hatschek-Steiner zu übernehmen, wenig bis gar nicht getragene Kleider, Schuhe, Schmuck, Accessoires aus den Jahren 1940 bis ungefähr 1990, alles auf Mass gefertigt, aus Schweizer Stoffen. Und plötzlich hatte die Sammlung einen neuen roten Faden: Couture aus Schweizer Stoffen.

Eine kleine Selektion mag die Qualität der Hatschek-Sammlung verdeutlichen. Unter anderem enthält sie ein feuerrotes Abendkleid von 1972 aus Tüllspitze mit rebrodierter Chenille Samtstickerei, zu dem ein Unterrock aus Tüll gehört, beides gefertigt vom Atelier Winteler, der bevorzugten Schneiderin der Dame Hatschek-Steiner. Ein weisses Abendkleid, bestickt mit Perlen und Glaskrallen, dazu ein passendes Cape aus Abraham Baumwoll-Jaquard, ebenfalls vom Atelier Winteler ungefähr 1965 samt Handschuhen und Clutch geliefert. Noch früher, nämlich 1962 wurde eine Kombination aus Bluse und Bleistiftrock aus Abraham-Ottomanseide genäht, und von 1943 datiert ein schulterfreies Kleid mit Faltenrock und Passé in der Taille, hiervon existiert sogar ein Foto, auf dem Eva Margarita Hatschek-Steiner das Kleid samt dazu gehörender Stulpen trägt, beides stammt ebenfalls aus dem Atelier Winteler.

 

Zu den Stücken der Dame Hatschek kamen über die Jahre Gaben der gut betuchten Frauen, meist Zürcherinnen, aber auch aus der Berner und Basler Gesellschaft zusammen, die ihre Roben aus Schweizer Stoffen oder auch Créationen grosser Couturiers wie Yves Saint Laurent, Christian Dior, aus dem Hause Chanel, Balenciaga oder Valentino gerne Rosmarie Amacher überliessen und dem Verein spendeten. 

Ausstellung im Het Nieuwe Instituut in Rotterdam mit Exponaten der SWISS TEXTILE COLLECTION

Inzwischen ist die Sammlung auf rund 1800 Stücke angewachsen und erfreut sich je länger je mehr internationaler Beliebtheit: 2015/2016 haben 670 Exponate das «Zeitweilige Modemuseum» in Rotterdam im Het Nieuwe Instituut bereichert, Leihgaben gab es bereits für das Zürcher Museum Bellerive und das Textilmuseum St. Gallen, und man prüft derzeit eine Kooperation mit einem amerikanischen Fashion Institute. 

Denn das wichtigste überhaupt ist, die Wertschätzung Schweizer Handwerkskunst und insbesondere der Textilbranche neu zu beleben, zu promoten im wahrsten Sinne des Wortes und sie begreifbar zu machen, auch wörtlich genommen, denn der Arbeitstitel über allem ist Prèt-à-toucher. Unter fachlicher Anleitung sollen Besucher der jeweiligen Ausstellungen die Stücke der SWISS TEXTLE COLLECTION sinnlich erleben dürfen und nicht einfach nur hinter Glas bestaunen können. Die Quellen sind noch nicht erschöpft, noch immer kommen neue Stücke in die Sammlung.

 

Das alles braucht Raum und so war ursprünglich der Einzug in Rorschach ins Kornhaus nicht nur geplant, sondern auch erfolgt. Davor hatte sich die Sammlung wegen Platzmangels auf mehrere Lokalitäten verteilt. Im Kornhaus angekommen konnte aber eine Installation nie erfolgen, weil schon jemand anderes eingezogen war: Der Messingkäfer, der am liebsten Textilien frisst. Danach mietete sich die Sammlung für knapp ein Jahr im Textil und Modecenter TMC in Zürich ein. 

2015 kam die Rettung in persona Esther und Dieter von Ziegler, Besitzer der legendären Spinnerei Murg. Mit unfassbar viel Herzblut haben von Zieglers über Jahre den Komplex am Walensee in ein schickes Lofthotel, diverse Räumlichkeiten für Gewerbe, Lofts und Appartements saniert und umgebaut und im ehemaligen Putzereigebäude eine Etage von 600qm für die SWISS TEXTILE COLLECTION zur Verfügung gestellt, den Mietzins teils gesponsert. Also zog man zum dritten Mal mit der gesamten Sammlung um, eine logistische Hochleistung mit den Kleidern.

In Murg ist die Sammlung jetzt so präsentiert, dass man auch damit arbeiten kann und es finden kontinuierlich Kurse vor Ort statt, die teils von den Mitgliedern, teils von Fachleuten von aussen organisiert und durchgeführt werden. Jeder kann Mitglied werden und den Verein unterstützen, jeder kann Gönner oder Sponsor sein und dem Verein damit entscheidend zum Fortbestehen und zur Realisation seiner Ziele verhelfen. Auch persönliche Einsätze sind willkommen, die Sammlung muss zeitgemäss archiviert, darüber hinaus gepflegt und kontrolliert werden. 

 

Was sich dem Betrachter erschliesst, ist der Beweis, dass sorgfältig handgearbeitete Mode aus qualitativ hochwertigsten Schweizer Stoffen eine zeitlose Investition darstellt, die Kleider jeweils Musterbeispiele handwerklicher Fähigkeiten und individuell sind. Jedes ist für jemanden extra gemacht worden, kein Teil ist «von der Stange». Jedes könnte man genau so jetzt tragen, kleine Anpassungen auf die Körpermasse verstehen sich von selbst. Und jedes wird bei guter Behandlung auch noch die nächste Generation Modebegeisterter glücklich machen. Werte, die man vielleicht pekuniär ausweisen könnte, die aber vielmehr einen ideellen und damit unvergleichlichen Schatz darstellen. 


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